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Historische ca. 600jährige Bordesholmer Linde

Aus der Geschichte der Liedertafel
Quelle: Festschrift zum 100-jährigen Bestehen; Juli 1968
Verfasser:  Adolf Krützmann
Die Bordesholmer Liedertafel wurde am 11. Januar 1868 gegründet. Diese Zeit und die Jahre vorher sind gekennzeichnet durch eine große politische Umwälzung. Das Jahr 1864 brachte die Befreiung von Dänemark, 1866 entschied der Sieg Preußens über Österreich endgültig über die Zukunft Schleswig-Holsteins. Außer einiger Einquartierung merkte die Bevölkerung nicht viel von den Kriegen. Aber die politischen Folgen waren umso  fühlbarer. Schleswig-Holstein wurde am 24. Dezember 1866 als Provinz in Preußen eingegliedert, und im Jahre darauf wurden in schneller Folge preußische Gesetze aller Art eingeführt. Zwar hätten unsere Vorfahren damals lieber ein selbständiges Schleswig-Holstein behalten, aber sie fügten sich trotzdem dem mächtigen Nachbarn und wurden "Mußpreußen".

Nun war aber die Zeit gekommen, die Eigenart unseres Landes durch Vereine mit bodenständigen Bestrebungen zum Ausdruck zu bringen. So schlossen sich in Bordeholm Handwerker und Kaufleute, Bauern und Beamte zur Liedertafel zusammen. Die uns bekannten, wahrscheinlichen Gründungsmitglieder von 1868-70 finden Sie hier. Unser Ort wird damals kaum 500 Einwohner gehabt haben, jeder kannte also jeden. Auch die Einwohner von Eiderstede, Hoffeld und anderer naher Dörfer gehörten zum Kreis der Liedertafel.

Neben dem Singen wird es gewiß oft zu Debatten über die neue Regierung gekommen sein. Preußen war darin tolerant. Aber Berlin war weit, und die Leute der Kreisverwaltung boten keinen Anlaß zum Schimpfen. Dort saßen immer noch dieselben Leute wie in der dänischen Zeit: Landrat von Heintze, Kreissekretär Haase, Justizrat Carstens und viele andere bis zum Kreisboten Grimm. Sie gehörten sogar mit zur Liedertafel. Ob sie Sänger waren, ist nicht bekannt, aber ihre Namen stehen mehrfach in den alten Protokollen des Vereins. Dort erscheinen auch gleich in den ersten Jahren nach der Gründung die Namen vieler Bordesholmer Bürger, deren Familien heute noch hier leben.

Die musikalische Tätigkeit der Liedertafel kam anfänglich nur zögernd in Gang. Es gab nur 12 Liederbücher, dazu handschriftliche Notenblätter, die der Dirigent gegen Bezahlung anfertigen mußte. Übungslokal war die Lindenschule (heute: Druckerei Steffen) etwa 14 Jahre lang. Beim Singen wurde, wie überall üblich, geraucht, und die Botenfrau Ww. Jäger wurde beauftragt, das Lokal vor dem Schulunterricht wieder zu säubern (Zulage dafür 1 Rthlr. p.a.). In dieser Zeit mußte das Singen mehrmals monatelang ausgesetzt werden, weil zu wenig Leute kamen. Erst als Organist und Hauptlehrer Joachim Wittmaack Dirigent wurde, und als der Chor seine Übungen in den Gasthof "Zur Linde" verlegte, wurde der Besuch regelmäßiger. Mehr als 25 Mitglieder hat der Chor vor 1914 aber wohl nie gehabt. Dazu kamen dann noch 60-70 fördernde Mitglieder.

Nach den revidierten Statuten von 1879 sollte der Gesang dazu dienen, "einen Freundeskreis zu schaffen, in dem sich Genuß und Frohsinn vereinen". Um das zu erreichen, sollten Konzerte und Bälle, Gesellschaftsabende und Vergnügungen im Freien veranstaltet werden. In den Protokollen ist darum viel von der Vorbereitung solcher Feste die Rede, besonders vom Vogelschießen. Dieses Fest wird seit 1871 regelmäßig gefeiert, nur in den Kriegsjahren 1915-18 und 1940-52 mußte es ausfallen. Nach dem letzten Krieg wurde besonders der Ausmarsch der Schützen durch ein "Vogel-Dinggericht" unter der alten Linde ausgestaltet. Bürgermeister August Ahrens (+1967) fand dazu eine Form, die in weiten Kreisen großen Anklang gefunden hat.

In ihrem dörflichen Bereich hat die Liedertafel seit ihrer Gründung die kulturellen Belange Bordesholms gefördert. Mehrmals jährlich fanden Gesellschaftsabende statt, Rezititionsabende, wie es öfters heißt. Diese wurden von den eigenen Leuten ausgestaltet mit Vorlesungen, Laientheater und natürlich Gesang. Schon 1869
wurde eine Bibliothek angeschafft mit zunächst 40 Büchern. Im Jahr darauf wurden 20 neue hinzugekauft. Genannt werden  J. Casleins Werke und die Gartenlaube. 1909 wurde der Bestand an Büchern der Gemeindeverwaltung übergeben als Grundstock für eine Volksbibliothek. Vermerkt sei auch noch, daß Tanzmeister Rusch aus Kiel 1911 einen Tanzkursus mit den Sängern veranstaltete.

Nach dem 1. Weltkrieg erreichte der Chor die stattliche Zahl von etwa 32 Sängern. Er gehörte dem Kreis-Sängerbund Bordeholm an und hat in diesem Rahmen viele Sängerfeste mitgemacht. 1924 übernahm Mittelschullehrer Fritz Wendling die Chorleitung. Er verbot kurzerhand Rauchen und Bier beim Singen - es ging auch so. In der Nazizeit litt der Besuch der Übungsabende stark unter dem Anspruch der Partei, in allem den Ton angeben zu wollen. Die Zahl der Sänger sank bis auf einen kleinen Stamm von Unbewegten herab. Der Krieg beendete dann wieder alles Leben im Verein.

Nach dem Zusammenbruch 1945 wurde die Bordesholmer Liedertafel neu gegründet. Buchdruckermeister August Gehl sammelte die Sänger wieder, Chorleiter Fritz Wendling übernahm sein Amt wieder. Seit dem 07. Mai 1946 wird nun regelmäßig wieder gesungen.

Der Chor zählt heute mehr als 60 Mitglieder. Der Besuch der Übungsabnede schwankt um 40 herum. Erfreulich ist, daß etwa 1/3 der Sänger unter 35 Jahre alt ist. An den Singabenden wird ernsthaft gearbeitet zur Vorbereitung von Konzerten. Aber immer noch, wie vor 100 Jahren, kommen auch "Genuß und Frohsinn" zu Ihrem Recht. Gemeinsame Arbeit und gemeinsames Feiern schaffen einen festen Zusammenhalt unter den Sängern. Diese Gemeinschaft strahlt ihre Wirkungen hinaus in die Bevölkerung, die jedes Jahr wieder auf ein Konzert der Liedertafel wartet.

Fortsetzung folgt . . .


 
 





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